Gmunden Retreat on NeuroIS 2016

Von 6. bis 8. Juni 2016 fand zum achten Mal der „Gmunden Retreat on NeuroIS“ im einzigartigen Umfeld des Schloss Ort auf einer kleinen Insel im Traunsee statt. Seit 2009 wird diese einzigartige Veranstaltung jährlich in Gmunden ausgetragen und bringt Top-Forscher aus aller Welt nach Oberösterreich.

Teilnehmer des Gmunden Retreat on NeuroIS 2016
Teilnehmer des Gmunden Retreat on NeuroIS 2016 – (c) NeuroIS.org

Neurowissenschaften zur Erforschung von Informationssystemen

Gmunden ist alljährlich das Zentrum für Wissenschaftler, die sich für den Einsatz neurowissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden für die Erforschung von Informationssystemen interessieren. So waren 2016 beispielsweise NeuroIS Forscher aus den USA, Kanada, Australien, Irland, Deutschland, Liechtenstein, Pakistan, aber auch Österreich, bei der Konferenz vertreten und präsentierten ihre neuesten Erkenntnisse und nutzten die Möglichkeit, in lockerer Atmosphäre Ideen zur Weiterentwicklung ihrer Forschung zu erhalten. Hauptorganisatoren waren dabei, wie bereits seit Bestehen der Konferenz, Prof. René Riedl (FH OÖ und JKU) und Prof. Fred Davis (Texas Tech University), welche tatkräftig durch die drei weiteren Mitglieder des Organisationskomitees (Prof. Jan vom Brocke – Universität Liechtenstein; Prof. Pierre-Majorique Léger – HEC Montréal; Prof. Adriane Randolph – Kennesaw State University) unterstützt wurden.

Den eigentlichen Start für den Gmunden Retreat bildete eine Begrüßung durch politische Vertreter der Region mit anschließendem Abendessen der Teilnehmer am 6. Juni. Für einige der Teilnehmer begann die Veranstaltung jedoch bereits Montagmorgen mit einem Workshop zu den Grundlagen der NeuroIS auf Basis des vor Kurzem erschienen Buches von Prof. Riedl und Prof. Léger (HEC Montréal).

Bedeutende Erkenntnisse für das Digital Business

Den Kern der NeuroIS Konferenz bildeten schließlich insgesamt 24 Vorträge zu eingereichten Forschungsbeiträgen zu Themenbereichen wie etwa der Informationsverarbeitung in Entscheidungssituationen, dem Effekt von Multitasking auf das individuelle Aufmerksamkeitsniveau, dem Einfluss des Aufbaus einer Website auf deren wahrgenommene Komplexität oder den Erfolg unterschiedlicher Lernstile beim Umgang mit neuen Informationssystemen. Einige der vorgestellten Themen waren in diesem Jahr auch von besonderer Bedeutung für Forscher und Praktiker aus dem Digital Business. Besonders hervorzuheben ist hierbei Pierre-Majorique Léger, der mit seinem Team der HEC Montréal und insbesondere des Tech3Lab für multidisziplinäre Forschung steht, die bei der Tagung vorgetragen wurde. Die wesentlichen Erkenntnisse zur Erforschung von Informationssystemen mit Hilfe der Neurowissenschaft, die von ihm und drei weiteren seiner angereisten KollegInnen präsentiert wurden, sind vor allem

  • die erhöhte Nutzung kognitiver Ressourcen bei Nutzung des Smartphones während der Bewegung zu Fuß,
  • aktuelle Forschung zur neuronalen Abbildung von Ambivalenz gegenüber neuen Technologien,
  • Forschung zu kognitiver Anstrengung (Mental Workload) als Indikator für die Schwierigkeit von Aufgaben, sowie
  • dem Effekt der Reihenfolge von Lerneinheiten zu neuen Informationssystemen mit einem Learning-by-Doing Ansatz oder durch klassische Vorführung von Experten.

Von besonderer Bedeutung waren etwa auch die vorgestellten Befunde eines Forscherteams der Brigham Young University (BYU) welche zeigten, dass Benachrichtigung von Informationssystemen bei zu großer Ähnlichkeit in ihrem Verhalten und Aussehen zu einem ähnlichen Grad ignoriert werden. Dies kann insbesondere dann kritisch werden, wenn etwa bedeutenden Warnhinweisen (z. B., zu Inhalten die die Systemsicherheit bedrohen könnten) ähnlich wenig Beachtung geschenkt wird wie weniger dringlichen Hinweisen (z. B., ein abgeschlossener Download).

Weiters zeigte ein Team von Forschern der Universität Liechtenstein sowie der City University of Hong Kong erste Befunde dazu, wie sich die Gestaltung von Bewertungsmöglichkeiten auf Kundenbewertungen auswirkt. So konnten Sie zeigen, dass bei einer einfachen Bewertung nach nur einem Kriterium (Gesamtbewertung) in der Regel deutlich schlechter bewertet wurde, als im Kontext einer Bewertung die sich zuerst aus der Einzelbewertung bedeutenden Kriterien und erst danach einer Gesamtbewertung zusammensetzt, eine Erkenntnisse die hohe Relevanz für Anwendungen im eCommerce hat.

Den „Dr. Hermann Zemlicka Award“ für den visionärsten Beitrag erhielt schließlich Stefan Tams (HEC Montréal). Er argumentierte, dass die Annahme, dass ältere Personen größere Probleme im Umgang mit Technologie haben, nicht immer zutrifft. So konnte er etwa zeigen, dass Unterbrechungen im Alltag, welche durch Technologien ausgelöst werden (z. B., Benachrichtigungen in sozialen Netzwerken) vor allem dann eine ablenkende Wirkung haben, wenn die individuelle Konzentrationsfähigkeit geringer ausgeprägt ist. Hier besteht zwar ein Zusammenhang mit dem individuellen Alter, es ist jedoch nicht der ausschlaggebende Faktor.

NeuroIS Keynote – Social Media and the Brain 

Den Höhepunkt der NeuroIS Konferenz bildete eine Bootsfahrt inklusive Abendessen am Traunsee, welche auch den Rahmen für die Award-Verleihung bot. Zum Ausklang des erfolgreichen Retreats gab es schließlich auch noch einen Keynote-Vortrag von Prof. Hauke Heekeren, welcher die Auswirkungen der Nutzung sozialer Medien auf das Gehirn diskutierte. So hob er die positive Wirkung der Vernetzung über Plattformen wie Facebook hervor, betonte aber auch die Notwendigkeit der weiteren Erforschung der Langzeitwirkung von sozialen Interaktion im Internet auf spezifische Hirnareale, vor allem währende bedeutenden Entwicklungsphasen in der Jugend.

In einer letzten Reihe an Vorträgen konnte schließlich Stefan Tams seine zuvor ausgezeichnete Forschung präsentieren. Auch die Digital Business Forschung des Campus Steyr war mit einem Vortrag von Thomas Fischer über das Potenzial von Lifelogging für die NeuroIS Forschung in Feldstudien vertreten (ein weiterer Beitrag zum Thema folgt demnächst).

Der Tagungsband für die NeuroIS Konferenz wird vom Springer Verlag herausgegeben und wird voraussichtlich ab Anfang September dieses Jahres verfügbar sein:


Information Systems and Neuroscience – Gmunden Retreat on NeuroIS 2016

Lecture Notes in Information Systems and Organisation
ISBN: 978-3-319-41401-0
Weitere Infos in SpringerLink

 

Forschung zu Neuro-Informationssystemen in Steyr

 

NeuroIS Forscher Rene Riedl

Prof. Dr. René Riedl

Prof. Dr. René Riedl ist Professor für Digital Business und Innovation und seit 2013 Teil des Fachbereichs „Digital Business“ an der FH Steyr. Er ist Mitbegründer von NeuroIS (www.NeuroIS.org), einem Teilgebiet der Informationssystem-Forschung. Einige Arbeiten von René Riedl sind in den weltweit höchst gerankten Journalen der Information Systems Discipline erschienen, so z. B. in MIS Quarterly, Journal of Management Information Systems, Journal of the Association for Information Systems und Journal of Information Technology.

Mehr Details zu bisherigen Projekten und Publikationen sind auf der persönlichen Website von Prof. Riedl sowie in der Wissensdokumentation der FH Oberösterreich zu finden.

Bei Anfragen zu wissenschaftlichen Projekten im Bereich der Human Computer Interaction im Allgemeinen und im Speziellen der NeuroIS, nehmen Sie gerne mit uns Kontakt auf: dbm@fh-steyr.at

Weitere allgemeine Infos zur Forschung im Digital Business:
www.digital-business.at/forschung-entwicklung-digital-business

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